Factor Investing – ein Ansatz auch für Anleihen

 

„Die gute Performance von Factor Investing an den Aktienmärkten hat das Interesse bei Anlegern an diesem Ansatz steigen lassen. Sie wollen nun wissen, ob er bei Anleihen ähnlich gut funktioniert“,1 sagt der Investmentspezialist Grégory Taieb von BNP Paribas Asset Management. „Er kann das langfristige Risiko-Rendite-Profil eines Portfolios verbessern und Diversifizierungsvorteile für Anleger schaffen.“

Factor Investing erfreut sich bei Aktienanlegern großer Beliebtheit. Setzt sich dieser quantitative Ansatz nun auch am Anleihemarkt durch?

Noch nicht, wir müssen geduldig sein, die Kenntnisse der Anleger in diesem Bereich erweitern und die Vorteile langfristig unter Beweis stellen. 2019 gelangte eine globale Umfrage2 des FTSE Russell zu der Schätzung, dass mehr als 50% der weltweiten Kapitalanleger ein Engagement in Faktor-Anlagen in Aktien haben. Anleiheninvestoren haben diesen Punkt noch nicht erreicht. Nur ein kleiner Teil verfügt derzeit über eine Allokation in Faktor-Anlagen in festverzinslichen Wertpapieren. Dennoch sehen wir eine deutliche Verbesserung in Bezug auf Research, Angebote und Vermögenswachstum. Natürlich müssen alle Risiken einer Wertpapieranlage weiterhin berücksichtigt werden und der Anleger muss prüfen, ob dieser Ansatz zu seinem Anlageziel passt.

Warum sollten Anleiheninvestoren auch Factor Investing anwenden?

Unsere Recherchen zeigen, dass eine systematische Allokation auf Faktoren – Qualität, geringe Volatilität, Wert und Dynamik – die Wahrscheinlichkeit höherer Renditen erhöht und Risiken reduzieren kann. Mit anderen Worten: Dieser Ansatz kann das Risiko-Rendite-Verhältnis im Vergleich zu einem traditionellen indexgebundenen Portfolio verbessern.

Factor Investing kann sich positiv auch in Bezug auf die Diversifizierung des Portfolios auswirken. Das Anlageergebnis wird in einer Weise erwirtschaftet, die sich von einem traditionellen Ansatz stark unterscheidet. Vereinfacht ausgedrückt: Viele traditionelle Fondsmanager erreichen ihr Alpha – ihre Wertsteigerung – in erster Linie auf der Grundlage ihrer Makro- oder Top-Down-Sicht auf die Wirtschaft, die ihre Anlageentscheidungen in Bezug auf Duration, Spread und Sektor bestimmt.

Factor Investing funktioniert, indem die Titel nach dem Bottom-up-Ansatz ausgewählt werden. Die Auswahl der Anleihen, in die investiert wird, hängt davon ab, ob bestimmte Merkmale vorliegen. Factor Investing umfasst eine systematische Datenanalyse und wissenschaftliche Erkenntnisse. Persönliche Meinungen des Fondsmanagers spielen keine Rolle.

Schließlich sind wir der Ansicht, dass Factor Investing eine Möglichkeit ist, ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) – mit anderen Worten Nachhaltigkeitsaspekte – in die Anlagepolitik zu integrieren. Unsere Factor-Investing-Portfolios zielen darauf ab, im ESG-Bereich mindestens 20% über der Benchmark zu liegen. Wir schließen außerdem die Titel mit schlechten ESG-Bewertungen (d.h. die 10% schlechtesten ESG-Bewertungen) aus dem Portfolio aus. Auch das dürfte das langfristige Risiko-Rendite-Verhältnis verbessern.

Was wir tun:

  • Ein Portfolio durch Auswahl von Unternehmensanleihen mit Potenzial über mehrere Faktoren hinweg aufbauen.
  • Das Risiko des Portfolios (Duration, Spread, Volatilität) an der Benchmark ausrichten.
  • Umsatz- und Liquiditätskontrollen im Kern unseres Neugewichtungsprozesses integrieren.
  • Einen klaren und praktischen ESG-Integrationsansatz umsetzen.

Was wir nicht tun:

  • Aktive Top-Down-Vorgaben in Bezug auf Regionen, Sektoren oder Ratings umsetzen.
  • Hinsichtlich des Risikoprofils deutlich oder dauerhaft von der Benchmark abweichen.
  • Unser Anlageuniversum auf von Kreditanalysten abgedeckte Emittenten beschränken.

Werden bei Faktor-Anlagen in Anleihen die gleichen Faktoren angewandt wie bei Aktien?

Ja. Wie bei Aktien konzentrieren wir uns nur auf folgende Faktoren: Wert, Qualität, Dynamik und geringe Volatilität. Sowohl bei Aktien als auch bei festverzinslichen Wertpapieren betrachten wir Größe als Prämie für die Liquidität und nicht als Faktor. Die Art und Weise, wie die Faktoren auf Anleihen angewendet werden, ist anders als bei Aktien, und in manchen Fällen ist das Denken anders. Nehmen Sie den Kurs-Buchwert-Indikator. Bei Aktien spiegelt ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis unter Umständen eine Wertchance wider. Bei Unternehmensanleihen versuchen wir nicht, Gewinner auszusuchen, sondern Verlierer zu vermeiden: Oberstes Gebot ist es, jedes Risiko eines Ausfalls zu vermeiden.

Welche Faktoren spielen bei Anleihen zurzeit eine wichtige Rolle?

Bei der Wahl der Faktoren spielen die Marktbedingen zwar eine Rolle, aber insgesamt glauben wir nicht, dass die Wahl des Zeitpunkts für Faktor-Anlagen langfristig ein konstantes Alpha sicherstellt.

Wir glauben an die Diversifizierungsmerkmale der vier Faktoren. Wir gehen davon aus, dass alle vier Faktoren im Laufe der Zeit einen stabilen, positiven Beitrag zur Gesamtperformance leisten werden. Wir haben uns daher für eine gleiche Gewichtung jedes Faktors im Portfolio entschieden.

Die Anleiherenditen sinken weltweit. Wirkt sich das positiv auf ein Smart-Beta-Anleihenportfolio aus?

Ob die Renditen sinken oder steigen, spielt längerfristig keine Rolle. Factor Investing soll unabhängig vom Zyklus in allen Marktsituationen Mehrwert schaffen. Historisch gesehen ist die Durchschnittsleistung unserer Multi-Faktor-Kreditstrategien höher als die unserer Vergleichsgruppen.1 Bei Unternehmensanleihen erwarten wir eine Rendite, die diejenige eines Kreditindex um 25 bis 100 Basispunkte übersteigt, und bei einem High-Yield-Portfolio eine Rendite, die 50 Bp. bis 150 Bp. über derjenigen eines Kreditindex liegt.3

Die Wertentwicklung der einzelnen Aktienfaktoren kann stark schwanken. Gilt das auch für den Anleihemarkt?

Wie gesagt, die einzelnen Faktoren sollen sich auf lange Sicht jeweils positiv auswirken. Kurzfristig könnte es anders aussehen. Deshalb haben wir einen Multi-Faktor-Ansatz gewählt. Das führt tendenziell zu einem stabileren Ergebnis im Laufe der Zeit.

Um Faktor-Anlagestrategien auszuwählen, müssen Anleihenanleger in der Lage sein, diesen Ansatz zu verstehen. Steht die Komplexität des Factor Investing der künftigen Beliebtheit nicht im Wege?

Der Ansatz ist sicherlich komplex. Das Konzept hat sich aber über einen langen Zeitraum als tragfähig erwiesen; das ist seiner Akzeptanz zu Gute gekommen. Das wird unserer Meinung nach auch für den Anleihemarkt zukünftig der Fall sein.

(1) Die Wertentwicklung in der Vergangenheit liefert keinen Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.
(2) https://www.ftserussell.com/press/global-smart-beta-adoption-reaches-record-high-58-percent
(3) Neuester wissenschaftlicher Artikel, der 2019 veröffentlicht wurde „Factor investing in corporate bond markets: Enhancing efficacy through diversification and purification”